Florian Tietgen: Helden

Der Roman Helden von Florian Tietgen stellt eine Besonderheit dar, da er speziell für das Medium eBook optimiert wurde. Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven geschildert, am Ende jeden Kapitels kann der Leser entscheiden, an welcher Stelle er weiterlesen möchte. Es gibt immer eine Empfehlung des Autors zum Weiterlesen, der ich durchgehend gefolgt bin, was sich nicht als verkehrt erwiesen hat.

Helden erzählt von zwei Jungen, die sich im Heim kennenlernen. Jonas ist 14 und schon länger hier, seine Mutter lebt nicht mehr, sein Vater ist Alkoholiker und hat den Jungen schwer missbraucht. Darüber schweigt Jonas, stattdessen schreibt er Geschichten über Minkigrand, einen jugendlichen Helden in einer Welt, die in einem früheren Jahrhundert angesiedelt ist und in der es Magie gibt. Minkigrand als sein alter ego ist der Held, der Jonas gerne wäre.

Jan ist 13 und kommt zu Jonas ins Zimmer. Er ist dick, ängstlich und hängt mit einer zärtlichen Liebe an seinem alten, zerfledderten Stoffhasen. So gar kein typischer Held, aber genau das ist er für Jonas, denn Jan hat das Unmögliche gewagt, hat sich aus dem Leid seines Lebens befreit, indem er seinen Vater erstochen hat. Das weiß jeder im Heim, Jan muss es niemandem erzählen.

Beide Jungen sind einander gegenüber misstrauisch, öffnen sich aber nach und nach. Jonas Heldenverehrung ist für Jan unbegreiflich, er bereut seine Tat und macht seinen Gefühlen in Zeichnungen Luft, in denen aus einem kleinen, dicklichen Jungen ein Held wird, der das Unrecht in seiner Umwelt bekämpft.

Es gibt kein „Am Ende ist alles gut“, überhaupt ist das Ende der Geschichte sehr offen, aber das ist auch nicht wichtig – wichtig ist, dass zwei schwer verletzte Kinder lernen, wieder ein wenig Vertrauen und Hoffnung zu fassen. Und dass der eine vom anderen lernt, dass das Leben nicht immer leicht ist, dass aber Gewalt nie eine Lösung sein kann, allenfalls eine Verlagerung des Problems.

Sehr gut gefällt mir, dass der Autor seine eigene Stimme komplett zurücknimmt, dass er nie den moralischen Zeigefinger erhebt, sondern seine Figuren für sich sprechen lässt, ohne Pathos, ohne (Selbst-)Mitleid, aber schonungslos offen. Wenn man nach und nach erfährt, was beide Jungen erlebt haben, stockt einem zuweilen der Atem, doch die Jungen gehen sehr selbstverständlich damit um, es ist Teil ihres Lebens. Wenn Jonas seine Narben zeigt und trocken bemerkt, dass er damit wenig Schlag bei den Mädchen haben wird, dann spürt man, welche Stärke, welchen Lebenswillen ein Kind haben muss, dass derart mit seinen Verletzungen umgeht.
Zugleich geht der Autor sensibel mit seinen Helden um, nimmt sie ernst und bleibt immer glaubhaft in dem, was er erzählt und wie er es erzählt.

Fazit: Ein Buch, das nicht nur für Jugendliche absolut lesenswert ist. Und gerade die Aufteilung in Jans Perspektive, Jonas Perspektive, Minkigrands Geschichte und Mighty Jans Comic macht es zu etwas Besonderem.

Es empfiehlt sich, am Ende noch mal alle Erzählstränge für sich durchzugehen, denn während man von einem zum nächsten Schnipsel liest, kann es doch vorkommen, dass man nicht an allen Stationen Halt macht (mir fehlte am Ende die Vorgeschichte zu Minkigrand, die jedoch nicht wichtig ist zum Verständnis des Textes, trotzdem aber zum Buch gehört und natürlich auch interessant genug ist, um gelesen zu werden).

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